Awareness in Strafrecht und Migrationsrecht
Warum sensible Rechtsberatung kein „Extra“, sondern juristische Notwendigkeit ist
Wer strafrechtliche oder migrationsrechtliche Beratung in Anspruch nimmt, tut dies selten aus einer Position der Stabilität. Mandant:innen kommen zu uns in Situationen akuter Belastung: nach einer Hausdurchsuchung, einer Festnahme, einer Anzeige, einer drohenden Abschiebung oder nach jahrelanger Erfahrung struktureller Ausgrenzung. Angst, Kontrollverlust und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen sind in diesen Bereichen keine Ausnahme, sondern der Regelfall.
Als Kanzlei Nierenz & Calik ist uns bewusst: Gute Rechtsberatung entscheidet sich nicht allein an Normkenntnis oder Prozesserfahrung. Sie beginnt früher – bei der Frage, ob es überhaupt gelingt, den Sachverhalt vollständig, wahrheitsgemäß und ohne zusätzliche Belastung zu erfassen. Genau hier setzt Awareness an.
Strafrecht: Wenn Macht, Angst und Scham den Sachverhalt verzerren
Im Strafrecht sind die strukturellen Asymmetrien besonders ausgeprägt. Mandant:innen stehen dem staatlichen Strafverfolgungsapparat gegenüber – Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte – häufig zum ersten Mal und in einer Situation, die als existenziell bedrohlich erlebt wird. Hinzu kommen Faktoren wie Vorstrafenerfahrungen, rassistische Zuschreibungen, psychische Belastungen oder frühere Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen mit Behörden.
In der Praxis zeigt sich das etwa so:
Eine beschuldigte Person berichtet sprunghaft, widersprüchlich oder auffällig emotional. Nicht selten entschuldigt sie sich für ihre Darstellung oder relativiert eigene Wahrnehmungen („Vielleicht habe ich das falsch verstanden“, „Ich bin da sehr sensibel“). Ohne Awareness besteht die Gefahr, solche Erzählweisen vorschnell als Unglaubwürdigkeit, Ausflucht oder mangelnde Kooperation zu interpretieren.
Eine bewusst betroffenenorientierte Haltung verändert hier die juristische Arbeit grundlegend. Sie bedeutet, nicht vorschnell zu bewerten, sondern zu fragen, warum jemand so erzählt. War die Person bei früheren Polizeikontakten eingeschüchtert? Gab es Erfahrungen von Gewalt, Racial Profiling oder fehlender Übersetzung? Besteht Angst vor Konsequenzen für den Aufenthaltsstatus oder für Angehörige?
Awareness heißt im Strafrecht konkret:
- Gesprächsführung, die Tempo herausnimmt und Struktur anbietet, ohne Druck auszuüben
- klare Erklärungen zu Rechten, Abläufen und Schweigemöglichkeiten
- Transparenz darüber, welche Informationen juristisch relevant sind – und warum
- Sensibilität dafür, dass Scham, Angst oder Traumatisierung Erinnerungen fragmentieren können
Das dient nicht nur dem Schutz der Mandant:innen. Es verbessert auch die Verteidigung. Ein sicherer Gesprächsraum führt zu präziseren Angaben, realistischeren Einschätzungen von Beweisrisiken und einer belastbareren Verteidigungsstrategie.
Migrationsrecht: Rechtliche Beratung unter dem Vorzeichen struktureller Unsicherheit
Im Migrationsrecht ist Awareness besonders zentral, weil viele Mandant:innen nicht nur individuelle Probleme, sondern strukturelle Benachteiligung erleben. Aufenthaltsrechtliche Verfahren sind oft langwierig, intransparent und von existenziellen Folgen geprägt: Verlust des Aufenthaltsstatus, Trennung von Familie, Arbeitsverbot oder Abschiebung.
Hinzu kommen Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede im Umgang mit Autoritäten sowie Erfahrungen von institutionellem Misstrauen. Viele Ratsuchende haben gelernt, Informationen zurückzuhalten – aus Angst, dass jedes Detail gegen sie verwendet werden könnte.
In der Beratung äußert sich das häufig durch:
- Zurückhaltung oder widersprüchliche Angaben
- thematisches Ausweichen bei sensiblen Punkten (Familie, Identität, Gewalt, Gesundheit)
- starke Selbstzensur oder Anpassung an vermeintliche Erwartungen
Awareness bedeutet hier, diese Dynamiken mitzudenken, statt sie als „fehlende Mitwirkung“ zu problematisieren. Eine offene, respektvolle Sprache, transparente Beratungsschritte und das explizite Benennen von Vertraulichkeit schaffen Vertrauen – eine Voraussetzung dafür, dass migrationsrechtlich entscheidende Aspekte überhaupt zur Sprache kommen.
Gerade bei Fragen zu Familiennachzug, humanitären Aufenthaltstiteln, Asylgründen oder Identitätsangaben ist klar: Unvollständige Informationen führen zu falschen rechtlichen Bewertungen. Awareness ist damit kein politisches Statement, sondern handwerkliche Sorgfalt.
Sprache, Setting und Selbstbestimmung als juristische Werkzeuge
Sowohl im Straf- als auch im Migrationsrecht entscheidet oft nicht allein was gefragt wird, sondern wie. Unreflektierte Sprache kann ungewollt Hierarchien verstärken oder Ausschlusssignale senden. Umgekehrt können offene Formulierungen („Wie möchten Sie angesprochen werden?“, „Was ist Ihnen wichtig, dass ich weiß?“) dazu beitragen, dass Mandant:innen ihre Perspektive einbringen.
Ebenso relevant sind die äußeren Rahmenbedingungen: geschützte Räume, ausreichend Zeit, keine unnötigen Unterbrechungen. Für Menschen mit Gewalt-, Flucht- oder Diskriminierungserfahrungen sind dies keine Nebensächlichkeiten, sondern Voraussetzungen für Gesprächsfähigkeit.
Ein awareness-orientierter Ansatz respektiert zudem die Selbstbestimmung der Ratsuchenden. Nicht jede Information muss sofort preisgegeben werden. Nicht jede Entscheidung muss im ersten Termin fallen. Juristische Beratung wird dadurch nicht schwächer – sie wird belastbarer.
Fazit: Awareness stärkt Rechtsschutz
Awareness ist kein Zusatzangebot und kein Gegensatz zu professioneller Distanz. Sie ist ein Instrument, um Machtasymmetrien zu reflektieren, Beratungsfehler zu vermeiden und rechtliche Möglichkeiten vollständig auszuschöpfen.
Gerade in Straf- und Migrationsverfahren, in denen staatliche Eingriffe tief in das Leben von Menschen reichen, ist eine sensible, diskriminierungsbewusste Beratung Teil anwaltlicher Verantwortung. Sie schützt Mandant:innen vor zusätzlicher Verunsicherung – und stärkt zugleich die Qualität unserer juristischen Arbeit.
Als Kanzlei Nierenz & Calik verstehen wir Awareness daher nicht als Haltung „neben“ dem Recht, sondern als Voraussetzung dafür, Recht wirksam durchzusetzen.